Sehnsucht nach dem Unbekannten (Text und Foto: Annina F. aus Hessen)
Auf meiner Reise nach Ostern in die Niederlande war ich wieder bei Freund*innen und Servas-Mitgliedern in Arnhem, Rotterdam und Den Haag. Alle Hosts erzählten von ihren Gästen, teilweise um die 20 im Jahr. „Weißt du, viele Leute in unserem Alter verschwinden hinter ihren Geranien, aber das wollen wir nicht!“
Auch beim Trampen war es schön, mal wieder jemandem zu begegnen, der so eine Art Verrücktheit nach Geographien und Menschen hat. Er ist in den USA geboren und dachte, ich wäre Australierin, weil die immer durch Europa trampen. Dann fragte er voll Eifer, welche deutsche Stadt ich am liebsten mag.
Meine Sehnsucht nach fernen Orten galt immer bestimmten Geographien, nach meinem Abi war das Frankreich, danach Spanien und Brasilien, dann Libanon und nach der Reise in den Libanon bekam ich das Verlangen, Niederländisch zu lernen durch ein Kinderbuch. Einmal träumte ich, dass es zwei Wege in den Libanon gäbe: eine Autobahn, die geradeaus über das Mittelmeer führt und brutal in die Berge von Broummana hineinbricht, und einen gewundenen Pfad durch die Alpen, der viel länger dauert. Als ich die Alpen überquert hatte, sah ich den Libanon auf der anderen Seite des Meeres mit tropenhaft grünen Wäldern, und gegenüber von meinem Pfad lag in den Bergen das Tal mit dem ‚Hundefluss‘ Nahr el Kalb, der sich träumerisch mit Wasserfällen hinabschlängelte.
Die andere Art zu Reisen bringt immer auch eine andere Art zu Kommunizieren mit sich, Kontakte zu suchen in Organisationen, oder mit Menschen zu sprechen auf der Straße – was ja diese Kulturen auch von unserer unterscheidet… ich war im Libanon, in der Türkei, im Balkan, in Deutschland und in den Niederlanden in Kontakt mit Organisationen, die Geflüchtete unterstützen oder sich mit ihnen solidarisch organisieren. Immer waren die ‚unteren‘ Mitarbeitenden begeistert von der Idee, dass ich mal zu Besuch kommen und aus dem Rhein-Main-Gebiet erzählen könnte, und oft haben die Chefs der Organisation – sofern sie hierarchisch organisiert war – das letztendlich verboten. Mit der legendären Aussage: „Wir wollen hier keine Fremden“.
Die Kommunikation über Grenzen hinweg ruft oft Erstaunen und Nicht-Verstehen hervor. Netzwerken wird oft verstanden als einen kapitalistischen Vorteil suchen, und manchmal scheinen Menschen auch zu denken, Sehnsucht könne nur eines bedeuten: Sexualität.
In der Kinderliteratur fällt mir auf, dass Geschichten von längeren Reisen, zum Beispiel mit dem Fahrrad durch das Land, allzu oft Geschichten von Trauma sind, vor denen Jugendliche „weglaufen“. Dass es auch einfach eine Art zu leben sein kann, scheint mir unterbelichtet; und wenn, dann sind die freien Vögel Männer, so wie in ‚Rasmus und der Landstreicher‘. Trotzdem war es schön, wieder auf einem Kinderbuchevent in Den Haag zu sein und zu sehen, dass es auch dort Menschen gibt, die sich für internationale Kontakte begeistern. Gerade in dieser Welt hatte ich oft das Gefühl, mich mit Menschen austauschen zu wollen.
Bei den Gastgeber*innen lernte ich über den Gebrauch des Wortes ‚om‘ – es wird unglaublich inflationär gebraucht, praktisch jedes Verb, das auf ein anderes Verb hinführt, wird benutzt mit: „Ich habe Lust, um in die Berge zu gehen“ – „Ich habe noch etwas Angst davor, um einem Wolf zu begegnen“ – „Ich kriege es gebacken, um dieses Klavierstück zu spielen“. Es war sehr bereichernd, wie immer, mit ein bisschen Literatur, Kunst und Musik dabei.
Und falls ihr diese Momente kennt, wo man plötzlich denkt: am Ende dieser Autobahn, hinter diesen Hügeln, da sind Menschen, die ich kennenlernen will… habe ich noch ein Gedicht für Euch.
Ich stehe mit Worten
Auf einem großen Platz
Und warte, bis das Erste losfährt
Überlege, wie er ängstlich sein könnte
Überlege, was ich antworten könnte
Und was er wieder sagen würde
Stelle mir alles genau vor
Bis der Verkehr in Gang kommt.
Dann hebe ich mein Schild
Und lasse die Autos vorüberrauschen
Mal winkt wer
Mal hupt wer
Mal sage ich #f….#
Wie meine brasilianische Freundin
Mit der ich vor langer Zeit trampte
Manche verlangsamt und fährt weiter
Mancher versteht nicht, was ich meine
Weiterstehen, die Beine vertreten,
Ans Ziel denken
Auf diesem kleinen Stück Gras an der Auffahrt
Jemand wird stoppen.
