Kolumbien: Bericht einer alleinreisenden Frau

Reisebericht Kolumbien Juni – Juli 2019

Irgendwann tauchte die Idee mit Kolumbien auf. Wie, wann und warum weiß ich nicht. Es hatte sicher was zu tun mit meinem alten Traum von Peru und mit Katharina, einer Servas-Frau aus Schweden im letzten Jahr: „ Wenn Du mit über 60 in die Ferne reisen willst, mache es JETZT und möglichst allein.“ Ich habe keine Routine in Fernreisen und schon gar nicht als Alleinreisende. Aber, es gibt ja SERVAS!

Die internationale Website zeigte eher wenige Mitglieder in Peru, dafür aber eine überraschende Anzahl in Kolumbien. Dazu fand ich auf der deutschen Website den wirklich beeindruckenden Bericht über Kolumbien von Peter, einem Weltreisenden auf seiner Route durch Südamerika. Jetzt hatte ich richtig Lust auf Kolumbien. Von Peter erhielt ich per Mail aus Ecuador noch ein paar Anregungen und so fand ich mich in der letzten Juniwoche im Flieger nach Bogotá. Nur drei Wochen standen zur Verfügung, das ist nicht viel für ein so großes Land – man muss Abstriche machen und sich mit Kompromissen anfreunden.

Um es gleich vorwegzunehmen: mein Spanisch hat sich in den drei Wochen definitiv verbessert. Wenn man allein unterwegs ist, ist Kommunikation das A und O. Es gibt auch nicht so viele Kolumbianer, die des Englischen  mächtig sind. Ich habe jedenfalls so gut wie keine getroffen.

Wie Peter auch schon herausgefunden hatte, ist die Hostliste von Kolumbien eher mangelhaft. Sie enthält Einträge von Menschen, die gar keine Mitglieder von SERVAS sind und auch auf meine Kontaktanfragen nicht reagiert haben. Und so bin auch ich bei Ana Maria, der umtriebigen und sehr sympathischen Vorsitzenden von SERVAS Colombia gelandet.

Bogotá, auf 2650 Meter über dem Meer, fast neun Millionen Einwohner. Eine Herausforderung für mich, die Luft ist dünner als in Köln. Und frisch – mit Weste und Regenmantel ist man gut beraten. Den ersten Tag gab es viel zu bestaunen, ich war zunächst allein unterwegs:
Das Goldmuseum, das Altstadtviertel la Candelaria mit unglaublicher Street-Art, überall Obst- und Saftstände, die Wallfahrtskirche Montserrat, die man per Gondel auf 3150 erreicht, die wunderbare Quinta Bolívar und schließlich noch das Museo Botero.

Am nächsten Tag tauchte ich mit Ana Maria in den kolumbianischen Alltag ein, kein Sightseeing mehr, sondern mit Freunden ab in eine Brathähnchenbude, Fußball (America Cup, das Äquivalent zur Europameisterschaft, Kolumbien spielte gegen Paraguay und ganz Bogotá lief in gelben Trikots herum) und MUSIK.

Ohne Musik geht nämlich nichts in Kolumbien, wir hatten einen fröhlichen Abend bei weiteren Freunden mit Gitarre und Gesang.

 Ach ja, ein bisschen Sightseeing gab es doch im Rahmen einer Autofahrt durch die Stadt: das, was den Kolumbianern wichtig ist, nämlich neben dem Fußballstadion und der Konzerthalle jede Menge großartiger „Centros comerciales“, Einkaufszentren! – Und ich habe gelernt, dass die Kolumbianer besonders begeisterte Radfahrer sind (wir haben es ja bei der Tour de France gesehen). In Bogotá werden regelmäßig an einem Sonntag pro Monat bestimmte Straßen für Autos und Busse gesperrt; freie Fahrt für Radfahrer, egal ob Rennräder oder Kinderräder, alle sind willkommen.


Nach drei Tagen ging es weiter mit Inlandflug nach Medellín, ebenfalls eine riesige, überwältigende Stadt, mit 3 Millionen Einwohnern, viel Street-Art, Gondeln und einer piekfeinen Metro. 1300 Meter über dem Meer und schon deutlich wärmer als Bogotá. Die „Stadt des ewigen Frühlings“ wird sie genannt, für mich war es gefühlt schwülwarm, Stiefel und Weste weg, Sandalen und T-Shirt war angesagt. In Medellín war ich einmal zum Abendessen bei einem Servas-Mitglied eingeladen, was sehr interessant und nett war. Ansonsten wohnte ich fünf Tage privat ohne Servas. Auch hier beeindruckte mich die Großzügigkeit, Offenheit, andererseits aber auch der natürliche Stolz meiner Gastgeber auf ihr Land.

Bei einer Agentur in Medellín buchte ich einen Ausflug zu einer Café-Finca, ein absolutes Highlight während meiner Reise. Zuerst in einem Kleinbus, dann aufgeteilt in zwei Jeeps ging es rein und rauf in die Berge bis auf 1.800 m. Wir – neun bunt zusammengewürfelte Touristen (alles junge Leute, mit einer Ausnahme…) – lernten nicht nur die Herzlichkeit einer kolumbianischen Kleinbauernfamilie kennen, sondern auch hautnah den ganzen Prozess der Kaffeegewinnung. Mit Körbchen ausgestattet wurden wir zum Pflücken in die Pflanzung geschickt. Nur die roten Bohnen ins Körbchen! Wer weiß schon, dass man 50 Bohnen benötigt für eine Tasse Kaffee, wieviel harte Arbeit das bedeutet und wie wenig Geld dabei herauskommt. Eine grandiose Landschaft, ein unvergessliches Erlebnis.

Das nächste Ziel hieß Cartagena, die alte Kolonialstadt an der Karibikküste. Dort traf ich auf Emeilandis, ein weiterer Servas-Kontakt. Leider konnte Emi mich nicht wie geplant beherbergen, da sie ihre Mutter zu sich genommen hatte, die gestürzt war und gepflegt werden musste. Aber sie konnte sich so organisieren, dass sie tagsüber Zeit für mich hatte und ich durfte in ihrer Begleitung diese bunte und fröhliche Stadt sowie einen herrlichen Tag an der Playa Grande genießen. Mit Schnorcheln und bunte Fische gucken. Zum ersten Mal in der Karibik, was für ein Glücksgefühl!

Die tropische Hitze schaffte mich allerdings ziemlich. Ventilator und Klimaanlage sind prima Erfindungen. Und da ich ja unbedingt an die Karibikküste wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit den Temperaturen und der Schwüle zu arrangieren (und in Deutschland war es zu dieser Zeit fast noch schlimmer).

Nach vier Tagen und einer herzlichen Verabschiedung von Emi ging es per Kleinbus in vier Stunden weiter nach Santa Marta, ebenfalls an der Karibikküste. Hier quartierte ich mich für eine Woche in einem Hostel ein, es hatte sich kein passender SERVAS-Kontakt ergeben. Da ich schon so viel gesehen und erlebt hatte, wollte ich von diesem Hostel aus ganz entspannt nur kleine Ausflüge in die Natur unternehmen und mich vor allem am Meer aufhalten. 

Mitte Juli dann zurück nach Bogotá, noch einmal zu Ana Maria, noch einmal einen wundervollen Abend mit ihren Freunden verbracht, Rush-hour im Transmilenio-Bus er- und überlebt und schon war aus dem Wirklichkeit gewordenen Traum eine Erinnerung geworden.

 

Was nehme ich im Reisegepäck mit zurück: die Herzlichkeit, großzügige Gastfreundschaft, allgegenwärtige Hilfsbereitschaft, großartige Landschaften, Musik, Lebensfreude, Buntheit.

Christine, Köln, August 2019