Reisebericht China – Abenteuer Servas

Ein riesiges Land – eine kleine Liste von Servas-Mitgliedern

Servas gibt es fast nur in den Millionenstädten. Die meisten davon in den südlichen Provinzen. Viele bieten nur Day Host an, was angesichts der Wohnverhältnisse auch verständlich ist.

Wir fanden „unsere“ Servas-Familie in Chengdu, eine Stadt mit 14 Millionen Einwohnern. Die Familie wohnt in einem der Außenbezirke, man fährt etwa 1 Stunde mit dem Bus vom Zentrum aus. Außenbezirk heißt: es ist eine ungeheuere Ansammlung von Hochhäusern, jeweils etwa 20-30 Stockwerke hoch. Wie findet man sich da zurecht?

Zuerst einmal half man uns im „Travelling With Hotel“ (gibt es sehr viele in China, werden von jungen netten Leuten betrieben, unbedingt empfehlenswert) den richtigen Bus zu finden. Kaum waren wir aus dem Bus ausgestiegen und schauten uns fragend um, kam eine junge Frau auf uns zu. Wir zeigten ihr die in chinesischer und westlicher Schrift geschriebene Adresse und sie begleitete uns bis wir an der Pforte waren. Englisch sprach sie ein bisschen. Es ist selten, dass man englischsprechende Leute trifft. Aber wenn man jemand trifft, sind sie froh einem helfen zu können und sich in Englisch-Konversation zu üben.

An der Pforte der Wohnanlage, die aus vielleicht 20 Hochhäusern bestand, mussten wir unseren Ausweis zeigen und die Einladung. Dann wurde die Familie per Telefon informiert und nach 5 Minuten wurden wir von Heqian abgeholt. Heqian ist Lehrerin an der Universität. Sie ist verheiratet, hat ein Kind. Ihre Mutter wohnt mit in der Wohnung. Wir fuhren in den 18. Stock und betraten (natürlich ohne Schuhe) eine schöne, helle Wohnung. Klar und geschmackvoll eingerichtet (auch Ikea). Nach kurzer Zeit wurden wir an den Küchentisch gebeten, um zusammen mit ihr und ihrer Mutter eine Art kleine Maultaschen zu formen, zu füllen und später zu essen. Das 3-jährige Kind schaute interessiert zu und war sehr pflegeleicht. Eine gute Idee, fanden wir, miteinander ins Gespräch zu kommen und die eventuell anfänglichen Hemmungen zu überwinden. Bald musste ihr Mann, es war Sonntagnachmittag, zur Arbeit fahren, ans andere Ende der Stadt. Die Unterhaltung drehte sich um Familie und Arbeit. Danach gingen wir auf die Dachterrasse und hatten einen Rundumblick auf tausende von Wolkenkratzern bis zum Horizont.

Gastgeschenke gab es natürlich auch: Wir brachten ein Puzzle mit dem Bild einer typisch badischen Kleinstadt mit und Schwarzwälder Schinken. Als Gegengeschenk durften wir Grüntee mit nach Deutschland nehmen. Auch wenn der Besuch nur knapp 4 Stunden dauerte, erhielten wir doch einen Einblick in das Leben einer modernen chinesischen Familie.

Wie schon erwähnt trifft man selten englischsprechende Chinesen.

Sogar in 5-Sterne Hotels in Shanghai gibt es vielleicht kein englischsprechendes Personal.

Es sind vor allem die Jüngeren, mit denen man sich verständigen kann. Aber Hilfsbereitschaft findet man überall. Egal, ob man mit dem Metro-System nicht gleich klar kommt oder man sich auf einer Verkehrsinsel fragend umschaut – es gibt immer Menschen, die auf einen zukommen und einem helfen. Ein im Bus liegengelassener Rucksack findet sich nach vielen Telefonaten 2 Tage später wieder am abgemachten Ort. In ländlichen Gebieten gibt es keinen Busfahrplan und oft auch keine offizielle Bushaltestelle. Man muss vielleicht mehrmals umsteigen. Die Einheimischen wissen wohin man will (woher?), nehmen den Koffer ohne zu fragen und tragen ihn zum Anschlussbus, der Sekunden später abfährt.

In China zu reisen, ob mit Bahn, Bus oder U-Bahn ist eine sichere Sache. Nicht nur deshalb, weil man an jedem Zugang zur U-Bahn oder am Bahnhof seine Tasche durchleuchten muss, sondern auch weil man den Eindruck hat, dass alle Plätze und Stationen von Polizisten beobachtet werden.

Wir staunten immer wieder über die Modernität und Sauberkeit des Verkehrssystems, sahen aber auch die Heerscharen von Straßenfegerinnen, die Schmuddelecken in den Seitenstraßen und die wuselige Arbeitsatmosphäre in Chongqings Hafen und Lagerviertel.

Der Aufenthalt in den großen Parks am Wochenende ist ebenfalls lohnenswert, wenn die Bevölkerung von jung und alt die Teehäuser und Wege füllt, sich zum Majongspiel trifft. Wenn an allen Ecken und Enden kleine Orchester auftreten und getanzt wird, wobei die Lautstärke durch einen gut sichtbaren Dezibelmesser angezeigt wird und nicht überschritten werden darf. Wir hatten den Eindruck bei diesem Treiben würde man in die Seele des chinesischen Volkes blicken.