Sizilien – Servas-Reisebericht, Oktober 2017

Fünf Wochen Sizilien: unvergesslich dank Servas und workaway

Im Sommer 2017 erzählte mir meine Freundin Regine, mit der ich eine Reise nach Sizilien plante, von Servas. Ganz begeistert von der Vereinsidee, wurde ich umgehend Mitglied. Am 10. Oktober ging für mich ein langgehegter Traum in Erfüllung: Fünf Wochen Sizilien! Für Regine der Auftakt in ihr Sabbatjahr, für mich als Freiberuflerin ein Arbeitsurlaub, der dann doch mehr Urlaub als Arbeit wurde. Ob die Zeit reichen würde, um die Vielfalt der Insel zu erleben, die wichtigsten größeren Städte, die schönsten Naturparks? Die spannendsten antiken Tempel zu sehen? Die Gemälde des sizilianischen Malers Renato Guttuso, aber auch die Orte, die mit ihm verbunden sind und ihn inspiriert haben? Die Unesco-Welterbestätten, an denen Sizilien so reich ist? Uns wurde bald klar, dass wir trotz der ungewöhnlich langen Dauer unseres Aufenthaltes Prioritäten setzen mussten.Für Regine stand im Vordergrund, Sizilien aus der Sicht der Einheimischen kennenzulernen. Großartig! Das wollte ich auch, und Servas ist ja genau dafür wie geschaffen. Zum Glück sprechen wir beide fließend Italienisch, haben zu Hause nur leider viel zu selten Gelegenheit dazu. Der Plan war, so oft wie möglich bei Servas-Familien zu wohnen, über Servas oder Couchsurfing Dayhosts zu treffen, maximal zehn Tage lang auf einer Olivenfarm zu helfen und für die Woche Badeurlaub eine Ferienwohnung zu mieten. Alles andere blieb erst einmal offen, damit Spontaneität möglich war. Reisen wollten wir per Bus, Bahn, Fähre und Mitfahrzentrale und nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ, ein Auto mieten. Ja, und natürlich wollten wir möglichst viele nette Menschen kennenlernen.

Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, als ich zum ersten Mal die Liste der italienischen Servas-Gastgeber in den Händen hielt. Ich blätterte sie durch und fand Palermo: 31 Adressen!!! Alle diese Menschen, die mich nicht einmal kannten, sollten wirklich bereit sein, mich zwei Nächte lang zu beherbergen, mit mir ihre Zeit und ihre Interessen zu teilen, Italienisch zu sprechen, zu kochen und zu essen, mir Tipps für meine Reise zu geben? Ich war fast gerührt, konnte es kaum fassen. Ich musste in Palermo wirklich kein Hotelzimmer buchen, sondern konnte bei neuen Freunden wohnen und mich wie zu Hause fühlen? Und das sollte klappen? Umwerfend. Utopisch. Genau so musste die ideale Art zu reisen sein, und das Wunderbarste daran war: Sie war schon erfunden worden, diese Art. Ich brauchte nur zuzugreifen. Schade, dass ich fast 50 werden musste, um davon zu erfahren!

Mithilfe der Servasliste legten wir unsere Etappenziele fest: In Palermo und Catania wollten Regine und ich, jede für sich, jeweils zweimal zwei Nächte bei Servas-Gastgebern verbringen. In Palermo klappte das fast sofort. Bei meiner allerersten Adresse, wo ich, ganz schön aufgeregt, direkt vom Flughafen aus am späten Abend ankam, öffnete mir der Sohn der Familie die Tür. Außer ihm war noch die tschechische Austauschschülerin zu Hause, mit der ich das Zimmer teilte. Ich staunte über diese riesige, wunderschöne Wohnung mit großer Dachterrasse, von der aus sich am nächsten Morgen ein sagenhafter Blick auf die grünen Ausläufer und Hänge des Monte Pellegrino einerseits und die Dächer Palermos andererseits bot. Meine Gastgeberin entschuldigte sich beim Frühstück, dass sie mich am Vorabend nicht persönlich empfangen und auch jetzt keine Zeit für mich habe, sondern zur Arbeit müsse, aber sie habe sich gedacht, das sei eben Servas, da sei das möglich. Mir gefiel diese Art des Umgangs und dieses absolute Vertrauen dem Verein – und mir als Mitglied – gegenüber. Es war mitten in der Woche im November, was konnte ich anderes erwarten? Ich war einfach nur happy und sehr dankbar für die Gastfreundschaft. Bereits am Vormittag sah ich im Palazzo Abatellis – nahe dem von Guttuso in einem berühmten Gemälde gefeierten Vucciria-Straßenmarkt – das beeindruckende Renaissancefresko mit einer Darstellung des Triumphs des Todes, „Il Trionfo della Morte“. Guttuso hatte es oft in einem Atemzug mit Picassos „Guernica“ genannt und verschmolz seine beiden Lieblingsbilder sogar in einem eigenen Gemälde miteinander. Am Nachmittag hatten Regine und ich das Glück, dass ihre Gastgeberin sich die Zeit nahm, uns die Höhepunkte der Innenstadt von Palermo zu zeigen: Kirchen, Kirchen, Kirchen, von der arabisch-normannischen bis zur Barockzeit, eine zugegeben interessanter und prächtiger als die andere. Für den Abend hatte sie ein Treffen mit weiteren Servas-Freunden in einem Restaurant organisiert, an dem ich jedoch leider nicht teilnehmen konnte, da ich den Abend in „meiner Familie“ verbringen wollte: Beim gemeinsamen Essen unterhielten wir uns über unsere Städte, unsere Arbeit, die bevorstehenden Regionalwahlen in Sizilien und den geplanten Corteo der Schüler und Studenten, einen Protestmarsch für bessere Bildungsbedingungen.

Am Nachmittag des zweiten Tages wechselte ich planmäßig zu einer alleinstehenden Servas-Gastgeberin, die mich trotz ihrer starken Erkältung sehr herzlich empfing. Bald nach meiner Ankunft legte sie sich schniefend und erschöpft mit einer Wolldecke aufs Sofa und bat mich, zwei Pizzen für mich und ihre Freundin zu holen, die sie zum Abendessen eingeladen habe. Ihrer ebenfalls sehr liebenswürdigen Freundin – sie war auch mit Regines Gastgeberin befreundet und bereits bei dem Treffen am Vorabend im Restaurant dabei gewesen – erzählte ich von unserem Plan, im November auf dem Ätna zu wandern. Sofort kramte sie ihr Handy aus der Tasche und rief einen guten Servasfreund in Catania an, der Stadt am Ätna. Sie wusste, dass er gern wandert und den Vulkan bestens kennt, und übergab mir das Telefon. Wir verabredeten uns zu einer gemeinsamen Wanderung einen Monat später.

Es folgte eine Woche in dem Badeort San Vito Lo Capo, wo wir eine Ferienwohnung in Strandnähe mieteten. Regine und ich badeten täglich im türkisblauen Meer bei herrlichstem Sonnenschein, wanderten im Naturschutzgebiet Lo Zingaro und auf dem Monte Monaco, radelten zur Tonnara del Secco, einer seit 30 Jahren leerstehenden ehemaligen Thunfischfabrik, und besichtigten die Salinen von Trapani. Und das Schönste: Wo auch immer wir saßen, standen und gingen, lernten wir herzliche, freundliche, informierte Menschen kennen, die gern zu einem Plausch mit uns beiden neugierigen Touristinnen bereit waren! Auf dem Internetportal workaway.info fanden wir nun auch endlich die ideale Adresse zum Olivenernten, gar nicht weit entfernt. Francesco, der Olivenhainbesitzer, holte uns von San Vito mit dem Auto ab.

Er brachte uns in den kleinen Ort Calatafimi Segesta, der sowohl durch die Nähe des Elymischen Tempels als auch durch eine von Garibaldi gegen die Bourbonen gewonnene Schlacht bekannt ist. Mitten in der idyllischsten Hügellandschaft halfen wir „Ciccio“ in einem fünfköpfigen deutsch-chilenischen Team eine gute Woche lang bei der Olivenernte und ließen uns dafür gern von ihm kulinarisch und mit Einzel- bzw. Doppelzimmern mit einer bilderbuchreifen Aussicht verwöhnen. Wir genossen das entspannte Arbeiten in ruhiger Umgebung, und dass wir uns tagelang nicht um die Organisation der Weiterreise kümmern mussten. Servas, Ferienwohnung und workaway war für uns eine super Kombination.

Unseren letzten freien Tag nutzten wir, um uns wieder einmal auf die Spuren Renato Guttusos zu begeben: Wir mieteten ein Auto und fuhren nach Gibellina Vecchia, ein mittelalterlicher Ort, der 1968 bei einem starken Erdbeben im Belicetal völlig zerstört worden war. Guttuso hatte im Januar 1970 eine Nachtwache zur Solidarität mit den heimatlos Gewordenen im Licht der Fackeln in mehreren Bildern festgehalten (in der Abbildung sieht man im Hintergrund die Ruinen des mittelalterlichen Gibellin a). Im Laufe der folgenden Jahre wurde einige Kilometer westlich das zerstörten ein neues Gibellina gegründet, und der Künstler Alberto Burri schuf ab 1984 über den Ruinen des ehemaligen Ortes als Mahnmal ein weißes Betonrelief, genannt il Cretto. Gibellina Nuova hat den etwas tristen Charme einer sozialistischen Planstadt. Städtebauer, Architekten und Künstler sollten dem Ort nach dem Willen der Ideatoren mit innovativen, extravaganten Werken eine Identität verleihen. Doch in den Straßen und auf den ineinander übergehenden Plätzen, dem „Sistema delle piazze“ im Zentrum Gibellinas, herrscht heute eine etwas geisterhafte Leere: Auf dem Foto sieht man am Ende der verlassenen Straße die Bauruine des Theaters.

Die nächste Etappe legten wir per Mitfahrzentrale (Blablacar.it) zurück: In Agrigent fanden wir eine Ferienwohnung im unteren, belebten Teil der Altstadt. Gleich am ersten Abend trafen wir einen unternehmungslustigen Dayhost von der Servasliste, der uns durch das nächtliche, spärlich beleuchtete Gassengewirr der fast unbewohnten oberen Altstadt bis zum Dom führte – allein hätten wir uns um diese Uhrzeit niemals hierher getraut. Agrigent mit seinem Saum aus Hochhäusern, die 1966 nach einem Erdrutsch hochgezogen wurden, seinen beeindruckenden Tempeln und dem an kostbaren, interessanten antiken Exponaten überreichen Museo Archeologico Regionale gefiel uns. Wir verlängerten den Aufenthalt um einen Tag, und dann noch einen Tag, auch, weil wir nicht genau wussten, wohin es weitergehen sollte. In Modica klappte es nicht mit einer Servas-Unterkunft, und nun schien es auch zu kurzfristig für die Suche nach einer Unterkunft in Catania zu sein. Also beschlossen wir, den Zug quer durch Sizilien bis hinauf nach Milazzo und von dort die Fähre nach Lipari zu nehmen, um nach der Hektik der Großstadt ein paar Tage die atemberaubenden Vulkane, die Landschaften – und die Ruhe der liparischen Inseln zu genießen. Fünf Tage später hatten wir Servas-Unterkünfte in Catania gefunden und reisten die Ostküste hinab in die „schwarze Stadt am Ätna“ – als Baumaterial wird hier nach wie vor gern Lavagestein verwendet. Ich fand die Stadt und ihre Servas-Hosts so hinreißend wie fast alle(s) in Sizilien. An meiner ersten Adresse wurde ich in einem wunderbaren Haus in der Altstadt beim Betreten des geheimnisvoll beleuchteten grünen Innenhofes – einer Art Zaubergarten – mit sanften Klavierklängen empfangen. Ein unvergesslicher Moment und ein Aufenthalt voller interessanter Begegnungen, Gespräche und Anregungen.

Endlich war der große Tag da, der Ätna-Tag, der zu einem Höhepunkt unserer Reise werden sollte! Unser Dayhost in Catania hatte sich den Termin wirklich freigehalten! Auch Regines Servas-Gastgeberin in Catania war dabei. An einem bedeckten Morgen – einem der wenigen bewölkten Tage unserer Reise überhaupt – wurden wir mit dem Auto abgeholt, fuhren zu viert bis zum Rifugio Sapienza an der Südseite des Vulkans bis auf 2000 Höhenmeter hinauf und wanderten auf dem schwarzsandigen Sentiero della Schiena dell’Asino – dem „Weg des Eselsrückens“ – einige Kilometer bis zur Valle del Bove, einem Hochtal an der Südostflanke des Vulkans. Wegen einer hartnäckig tiefhängenden Wolke konnten wir es nicht sehen, seine Spektakularität ließ sich aber erahnen. Beim Blick bergauf hatten wir mehr Glück: Hier gab der Wolkenvorhang für einen Moment den Ätnagipfel frei. Aaaah!!!

Beim Wandern und Plaudern mit unseren bestens informierten, liebenswürdigen Servas-Begleitern erfuhren wir einiges über den in Catania „Mongibello“ genannten Vulkan, zum Beispiel, dass auf seinen schneebedeckten Gipfel Skilifte führen, und dass durch seine Lavaströme Grotten entstanden sind, sogenannte neviere, die im 19. Jahrhundert sogar dem König in Turin als natürliche Eiskeller dienten.

Auch dank Servas und der wunderbaren Gastgeber und Dayhosts war dies einer der erlebnisreichsten, ungewöhnlichsten und schönsten Urlaube meines Lebens. Ich werde nie vergessen, wie es war, zum ersten Mal an einem unbekannten Ort zu sein und mich von Anfang an wie zu Hause zu fühlen.